Anregungen und Erfahrungen aus der Praxis von Rolf Müller
Der Artikel stammt aus der Zeitschrift "Luftsport" mit freundlicher Genehmigung des Chef-Redakteurs
Die Idee, Mitgliederwerbung öffentlich zu machen, rennt bei mir offene Türen ein. Zunächst möchte ich mich kurz vorstellen:
Ich betreibe seit 1976 Segelflug, inzwischen auch Motorsegelflug und Ultraleichtflug und bin im Vorstand des Segelflugvereins Oerlinghausen tätig. In meinen Anregungen und Erfahrungen beziehe ich mich auf die Verhältnisse am Flugplatz Oerlinghausen und gehe davon aus, dass sich meine Erfahrungen recht gut auch auf andere Flugplätze übertragen lassen.
Mein Verein führt seit einigen Jahren eine Art "Tag der offenen Tür" durch. Wir legen diesen Tag in den Monat Juni und haben bislang immer gutes Wetter gehabt. Entsprechend groß war der Zulauf. Geworben haben wir in den Veranstaltungskalendern der lokalen Medien. Mit Hilfe angecharterter Doppelsitzer haben wir jeweils ca. 80 Gastflüge durchgeführt, die Warteschlangen waren so groß, dass es durchaus noch mehr hätten sein können. Die Vertreter der örtlichen Medien wurden ebenfalls mitgenommen, und die Artikel im Anschluss an diesen Tag waren immer sehr positiv. Trotzdem haben wir durch diese Aktionen keine neuen Mitglieder bekommen. Ich selber habe im Rahmen einer Projektwoche an einer Bielefelder Realschule einen Schnuppertag Segelflug mit 18 Schülern/-innen durchgeführt und ebenfalls per Fragebogen und Diskussion ausgewertet.
Ergebnis: Alle Teilnehmer waren von den Segelflügen selbst begeistert. Die meisten hatten ein etwas "mulmiges Gefühl im Bauch", fanden aber dann den Windenstart am besten. Die beteiligten Fluglehrer unseres Vereins gaben sich sehr viel Mühe und kamen bei den Schülern gut an. Allein das Schieben der Doppelsitzer wurde negativ beurteilt, und zwar "sehr negativ".
Neumitglieder: keine!
Leider ist die "öffentliche Meinung" zum Thema "Segelflug" unter der deutschen nichtfliegenden Bevölkerung noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Mein Tipp: Das könnte im Rahmen von Diplom- oder Examensarbeiten im Fachbereich "Sport" durchgeführt werden.
Viele Gespräche legen jedoch nahe:
Der Flugbetrieb
Wir haben in Oerlinghausen fünf Windenschleppstrecken, von denen der SFV Oerlinghausen eine bewirtschaftet. Wir fliegen Samstags, Sonn- und Feiertags. Wer fliegen möchte muss (von einer kurzen Mittagspause und einem nachmittäglichen Kaffee abgesehen) von 9.30 Uhr bis 19.30 Uhr (im Durchschnitt) anwesend sein. Anfänger können pro Flugbetriebstag mit 2 bis 3 Platzrunden oder einem halbstündigen Thermikflug rechnen. Allein fliegende Flugschüler oder PPL-Inhaber haben reichlich Einsitzer (Flugzeit im Schnitt um die zwei Stunden) zur Verfügung. PPL-Inhaber machen ca. 7 mal pro Saison Startleiter- oder Windendienst. Alles in Allem also gar nicht schlecht.
Trotzdem: Der Bereich Segelflug ist leicht rückläufig.
Die Erfahrungen seit zwanzig Jahren zeigen: Weniger als 10% aller Anfänger bleiben bis zum PPL bei der Stange.
Woran liegt's?
Kurz und knapp: Irgendwann findet der Segelflieger eine Freundin, gründet vielleicht eine Familie, muss sich beruflich etablieren ... und dann hat man eben nicht mehr die Zeit, einen ganzen Tag des Wochenendes auf dem Flugplatz zu verbringen oder vielleicht auch keine Lust mehr, morgens um kurz nach acht vom Sonntagsfrühstück aufzuspringen und die Familie sitzen zu lassen. Der Zeitaufwand, um eine oder zwei Stunden fliegen zu können, wird zu groß und die Wartezeit ist oft zu langweilig!
Nichtfliegende Partner kommen selten auf den Flugplatz.
Wie macht man's besser?
Ich denke, hier ist jedes Mittel recht, was den Personalaufwand und den Zeitaufwand des Segelflugbetriebes verkleinert. In Oerlinghausen sind verschiedene Möglichkeiten denkbar:
Bei "mittelgutem" Wetter verteilen sich auf 5 Schleppstrecken 5 Häufchen Segelflieger. Die Winden sind nicht ausgelastet.
Man könnte - je nach Bedarf - nur eine, zwei oder drei Winden für alle (!!!) Vereine aufbauen, die dann auch ausgelastet sein würden. Man spart Windenfahrpersonal, Lepo's und Startleiter.
Voraussetzung: einheitliches Bezahlungssystem.
Man bildet vereinsübergreifende Ausbildungsgruppen. D.h. man fasst Flugschüler ähnlichen Ausbildungsstandes zusammen, ordnet ihnen einen Fluglehrer und entsprechendes Fluggerät zu. Wir versuchen das mit dem Flugverein Gütersloh zu praktizieren, von den Anfängen sind alle begeistert. Formale oder rechtliche Schwierigkeiten gibt es eigentlich nicht. Die Gruppen sind jedoch noch zu klein. Bei größeren Gruppen würde ich versuchen, die Gruppen so aufzuteilen, dass die eine Hälfte Start und Fluggerät aufbaut und nach einem halben Flugbetriebstag das Fluggerät an eine zweite Gruppe übergibt, die es dann abends abbaut. So müsste jeder Flugschüler nur einen halben Tag anwesend sein. Für die Platzrundenschulung vor der A-Prüfung durchaus praktikabel und für die einsitzig fliegenden Mitglieder wäre es einen Versuch wert.
PS: Das Gruppenerlebnis für die Schüler wird größer, wenn viele auf demselben Level wie sie selber sind. Außerdem lernt man durch die gemeinschaftliche Ausbildung viel mehr Leute kennen als wenn man ausschließlich im eigenen Verein schult.
"Leute kennenlernen" ist für jugendliche sehr wichtig.
In Oerlinghausen ist die Schleppstrecke 1200 m lang. Verlegen wir den Startkopf in den Platz hinein, so verkürzt sie sich auf 1000 Meter - immer noch ausreichend, um Anschluss an die Thermik zu bekommen. Diese "vorgezogenen" Startköpfe reduzieren die Rückholstrecke für die Segelflugzeuge von 250 Meter auf 50 Meter (vgl. Kritik der Realschüler).
Vorteil: weniger Schieben, höhere Startzahl. Dem Nachteil für schwere (wasserbetankte) Flugzeuge könnte man dadurch entgehen, dass an "Hammertagen" (die auf die ganze Saison gerechnet selten sind) mit 1200 Metern geschleppt wird. Der Umbau von 1000 auf 1200 Meter dauert nur 10 Minuten.
Mit Hilfe eigenstartfähiger Segelflugzeuge (echte, mit Klapptriebwerk) kann man sich von aufwändigen Windenstartbetrieb unabhängig machen und trotzdem echten Segelflug betreiben. Die Flugzeughersteller könnten versuchen, diese Flugzeuge auch für Vereine erschwinglich zu machen und sich selbst dadurch neue Märkte erschließen. Mit gutem Willen könnte man den PPL-C um die Startart "Eigenstart" erweitern, ohne den kompletten PPL-B machen zu müssen.
Die Ausbildung
Die Ausbildung dauert in den Vereinen mit rund zwei bis drei Jahren viel zu lange. Der theoretische Teil ist zu umfangreich und zu wenig praxisnah. Die Praxis kann man durch schnellere Startfolge - Flugbetrieb beschleunigen, der Motorsegler kann für Überlandeinweisung verstärkt genutzt werden.
Im Theorieteil bezweifle ich z.B. den Nutzen der Berechnung von Vorhaltewinkeln, Kursen und Flugzeiten etc. für PPL-C Prüflinge. Später braucht man das nicht mehr. Auswendig gelerntes Prüfungswissen hat ohnehin eine sehr kurze Halbwertszeit. Auch im Bereich Meteorologie (Polarfront, Gradientwind ... ) und Technik (Einstellwinkeln, Bauweisen .... diese Listen könnte ich noch erweitern.) könnte so einiges in die Mottenkiste gepackt und beispielsweise durch neue Medien wie PC-MET Briefing, Internet, Interpretation von Satellitenbildern, Handhabung des GPS ersetzt werden.
Statt dessen würde ich den Bereich Lufträume, Luftverkehrsregeln und Verhalten in besonderen Fällen intensivieren.
Zu eventuellen Gegenargumenten: Ob ich als Segelflieger als vollwertiger Luftverkehrsteilnehmer gelte hängt letztlich mehr von meinem Verhalten im Luftraum und im Funkverkehr ab als vom auswendig gelernten (vergessenem) Prüfungswissen.
Das Verhältnis von Breitensport zu Leistungssport
Oder: Es muss nicht immer das 500er sein. Vielen Segelfliegern (vielleicht sogar der großen Mehrheit) reicht es, die Schönheit des Fliegens in Sichtweite des Heimatflugplatzes zu genießen. Das sind keine schlechteren Flieger, sondern solche mit anderen Schwerpunkten.
Für sie reicht es aus, sich in den Lufträumen um ihren Heimatflugplatz auszukennen. Vom Leistungsflieger darf ich erwarten, dass er sich in die Flugvorbereitung für einen Streckenflug auch ohne Fluglehrer einarbeiten kann.
Der Platzflieger benötigt auch nicht immer Höchstleistungsfluggerät, sondern überwiegend gutmütiges, leicht zu handhabendes (Aufrüsten, Abrüsten) Fluggerät. Eine Gleitzahl um die 35 reicht da völlig aus.
Denkbar wären Ultraleichtsegelflugzeuge, deren Handling am Boden viel leichter ist, aber so was ist auf dem Markt nicht zu bekommen. Die renommierten Segelflugzeughersteller setzen immer noch auf schneller, höher, weiter, teurer. Preiswertes Fluggerät hat heute leider oft den Touch, alt und abgenutzt zu sein.
Hochleistungsgerät ja - aber nicht ausschließlich! Streckenflug ja - aber nicht ausschließlich! Möchte ich Mitglieder werben, geht das überwiegend über den Breitensport.
Herzlich Willkommen
Eine ablehnende Haltung allen neuen Ideen gegenüber, egal ob diese gut oder schlecht sind. Neue Mitglieder oder Interessenten haben neue - manchmal auch scheinbar abwegige Ideen. Lehnen wir diese Ideen ab, ohne sie uns überhaupt anzuhören, so lehnen wir auf der zwischenmenschlichen Ebene auch die damit verbundene Person ab. Sprüche der Art "Das machen wir sein 40 Jahren so und das bleibt auch so!" oder "Ich fliege seit 50 Jahren - ich weiß wie das geht. Das musst du erst mal erreichen bevor du hier mitreden kannst!" haben mit Sicherheit genauso vielen Mitgliedern das Fliegen vergrault wie der hohe Zeitaufwand. Warum fällt es uns so schwer, zu sagen. Ich freue mich, dass du dich für unseren Flugsport interessierst, auch wenn ich nicht in allen Punkten deine Meinung teile ..." ???
Jeder von uns muss neuen Leuten das Gefühl des "Herzlich-Willkommen-Seins" vermitteln. Neue Leute haben manchmal Angst oder Hemmungen. Das ist ganz natürlich. Aber niemand spricht sie darauf an.
Gemütlichkeit
Auf dem Flugplatz ist es ungemütlich. Wenn man schon den ganzen Tag auf dem Platz sein muss, warum verabredet man nicht, gemeinschaftlich für Kaffee und Kuchen zu sorgen? Warum stellt man keine Bänke, Stühle und bei Hitze einen Sonnenschirm auf (so etwas steht z.B. bei unserem Platzwart rum, und ist in fünf Minuten aufgebaut)? Warum legt man nicht ein paar Mark für eine Spielecke für die Kinder der Flieger zusammen? Wenn so etwas auf unserem Platz geschieht, dann nur privat in einer Art Einzelkämpfermentalität.
Wo bleiben Gemeinschaftsgefühl, Freundlichkeit, Herzlichkeit? Viele Mitmenschen verbinden ein Hobby auch mit dem Aufbau von Freundschaften, mit Aktionen außerhalb des Flugplatzes.
Gemeinsamkeiten
Viele Köche verderben den Brei. In Oerlinghausen fliegen über 10 Vereine. Um Ausbildungsgemeinschaften zu realisieren und den Flugbetrieb zu optimieren (siehe oben) bedarf es Absprachen, Verbindlichkeiten, Zuverlässigkeiten und der Kompromissbereitschaft. Lange Zeit kochte jeder Verein seinen eigenen Brei. Heute beginnen einzelne Vereine, sich zusammen zu tun. Hinderungsgründe bestehen oft darin, dass einzelne Personen in den Vorständen nicht willens sind, bestimmte Positionen zu Gunsten der Gemeinschaft aufzugeben. Z. Bsp. hat sich mein Verein mit dem Flugverein Gütersloh auf ein einheitliches Bezahlungssystem der Windenstarts geeinigt.
Die Skepsis war groß, der Erfolg nach inzwischen einem Jahr größer, so dass dieses System heute anerkannt ist. Aber nur der Versuch zwecks Ausbildungsgemeinschaft alle Interessierten zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu einer Art Briefing zu versammeln, gelingt bis heute nicht. Und die Idee, mit allen Vereinen ein einheitliches Windenstart- und Bezahlungssystem zu finden, bleibt wohl Illusion.
Ich glaube nicht, dass es uns hilft, mit immer mehr Aktionen an die Öffentlichkeit heranzutreten, solange wir das Produkt "Segelflugbetrieb" nicht ganz entscheidend verbessert und von dem Ruch des "ewig gestrigen" befreit haben. Scheuen wir uns auch nicht, unsere alten Vereinsstrukturen mit etwas mehr Professionalität auszustatten.
Ich hoffe, mein Artikel hat dazu beigetragen.